Knotenpunkt 15 – Streetart goes St. Pauli

20151010_165401Nicht fern dem Mainstream der Reeperbahn startete bereits am 09. Oktober die Ausstellung Knotenpunkt 15 in der Affenfaust Galerie in Hamburg. Und nicht allzu fern zeigen sich auch die Exponate. Streetart ist erwachsen geworden könnte man sagen. Es ist nicht mehr vermessen 11.000 Euro pro Leinwand zu verlangen. Viele der ausgestellten Kunstwerke scheinen sogar bereits nach der Opening Gala verkauft zu sein – da und dort klaffen bereits am folgenden Tag Lücken in der professionell gehängten Reihung der Kunstwerke.

Coco Bergholm

Coco Bergholm – Knotenpunkt 15

Unter dem Titel „urban and contemporary art“ finden sich unter anderem Arbeiten von Künstlern wie Vidam, Roman Klonek, Quintessenz, Jan Koke, DXTR, Brokowitch und Base23. Zuweilen wird der Standort aus der Galerie auf große Außenflächen verlagert, an denen die großflächigen Wandbilder ihre volle Ausdrucksform finden. Leider finde ich keinen Guide zu diesen Flächen in der Galerie, weswegen ich einige Künstler hier gar nicht vorfinde. Die Ausstellung bekommt etwas stark museales und wirkt auch wegen des gut inszenierten Rundgangs etwas bieder. Good meaning bad?

Die technisch perfekte Darstellung auf der Website in Verbindung mit social media, auf denen Künstler wie Exponate gezeigt und benannt werden, versöhnt den Freund der frei zugänglichen Streetart wieder etwas. Jedoch wirkt dieses Konzept etwas stark entkopplet.

Roman Klonek

Roman Klonek – Knotenpunkt 15

Persönlicher Favorit bleibt trotz einiger Highlights wie Brokovichs Farbverläufen aus collagierten Spielzeugen und Laurence Valleries’s Pappelefanten: Dave the Chimp mit seinen Human Beans. Nicht nur weil er aus Berlin kommt, sondern auch weil die Wahl der Medien mehr Gefühl für die Natur dieser urbanen Künstlergeneration widerspiegelt.

Die Ausstellung läuft noch bis 18.10.2015 Eintritt: 5,00 Euro.

Der Albtraum der BVG

1UP – Maskierte Helden

i am 1up
1UP  EXHIBITION – IAM 1UP

Obwohl der Name anderes vermuten lässt, wer das Phänomen um 1UP verstehen will muss zunächst tief hinab steigen. In diesem Falle zunächst erstmal eine Treppe an der Warschauer Straße. Dort nämlich in der Urban Spree Galerie stellt 1UP sein Oevre und auch ein zeitgleich herausgegebenes Buch vor. Im Vorhof der Galerie steigen vor den Augen der Besucher zwei schwarze Gestalten eine Wand hinauf.

Selbst unaufmerksamen Bewohnern Berlins mag dies nicht nötig erscheinen, immerhin zieren bereits diverse großflächige Wandbilder den öffentlichen Raum. Bilder wie sie an der Außenwand der Fassade zu sehen sind schießen einem durch den Kopf. Bemalte U-Bahnen, riesengroße Graffiti und tropfende Feuerlöscher-Tags mit gigantischen Außmaßen. Und doch zeigt sich der Innenraum der Ausstellung überraschend aufgeräumt.

Im Gespräch mit einem HipHop Enthusiasten mittleren Alters erfahre ich, daß für Ihn 1UP „so etwas wie Helden“ sind. Er, der aus Hamburg vor Jahren hierher nach Berlin zog, sah in den Aktionen von Anfang an etwas besonderes. Und hier unterscheidet sich die Aktionskünstler-Truppe auch im wesentlichen von vielen anderen Graffitikünstlern. Sie haben Youtube Fans und werden von vielen gefeiert – oder eben auch gehasst. Diese Publikumsbegeisterung kann ziemlich wahrscheinlich der präzisen Dokumentation zugute geschrieben werden, die die 1UP Crew bereits in vielen Videos und Fotos im Netz, vor allem aber auf der One United Power DVD betreibt. Mehrere Millionen Klicks beweisen den Hype, der um die wilden Aktionen herrscht, in denen beispielsweise ein kompletter U-Bahnwaggon in nur 3 Minuten im laufenden Betrieb bemalt wird. Auch diese Videos sind Teil der Ausstellung, die man durchläuft wie eine Level von Supermarioland.

Auch ein Besucher weit aus höheren Alters hat sich eingefunden – in kompletter BVG Montur mit Krawatte und Schnauzbart hält er seine Kamera im Anschlag. Ob er sich wohl auch eins der Poster Zuhause aufhängen wird, die es beim Merchandise stand zu kaufen gibt? Das Buch ist für 25 Euro zu haben, die Poster sind umsonst. Sticker sind leider schon alle, verrät mir der Betreiber der Galerie. In den ersten zwei Stunden nach der Eröffnung habe er bereits etwa hundert Bücher verkauft. I AM 1UP bleibt dem Besucher nur die essentielle Frage schuldig – Wer ist eigentlich dieser 1UP?

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one united power

 

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Gentrifidingsbums

gentriGen-tri-fi-zie-rung. Schwieriges Wort – aber was bedeutet es eigentlich? Etone, Produzent und Sprechgesangs-Künstler aus Berlin Schöneberg veröffentlichte jüngst einen Song zu diesem Thema auf Soundcloud. Spätestens seitdem ich ein halbes Jahr in Spanien verbracht habe, weiß ich wie man sich als fremder in einer Stadt fühlt. Es ist nicht immer schön als Fremder mit Hass anstatt Gastfreundlichkeit bedacht zu werden. Die Gentrifizierungsdebatte, die in Berlin inzwischen  mit ausgrenzenden Termini wie „Schwaben-Hass“ in Verbindung gebracht wird, ist auch in Gefahr, Fremdenhass zu schüren. Und dass nimmt teilweise groteske Züge an. Ungefähr genauso grotesk, wie die Attacke spanischer „Neo-Nazis“ auf einen Deutschen in einer Provinzhauptstadt in Spanien. Was die meisten Berliner seit geraumer Zeit spüren ist eine Angst der Verdrängung aus günstigem, innerstädtischem Wohnraum. Hauptsächlich geht es dabei jedoch um einen Kampf zwischen arm und reich.  Oft sind es auch die so genannten Neu-Berliner, die sich da in den schönen, neu sanierten Altbauten einmieten. Meist zu erheblich höheren Preisen.  „Ethnische Minderheiten“ wie Menschen aus Süddeutschland, (nein, ich sage nicht Schwaben, siehe vierte Zeile im Wikipedia-Eintrag) Italien, Frankreich, sowie viele Amerikaner und so weiter können es oft gar nicht glauben, dass die süße 50-Quadratmeter Wohnung im Schillerkiez nur 700 Euro kosten soll. Mietraum (wenn überhaupt vorhanden) kostet in diversen Metropolen oft viel mehr. Aber selbst alteingesessene Berliner haben Ihre Wurzeln oft im heutigen Polen, der Türkei oder sonstwo. Also bitte nicht vergessen, derjenige der den Spruch geprägt hat „ich bin ein Berliner“ war selber (US-)Amerikaner. Deswegen bitte erst einmal nachdenken, bevor man aus falschem Lokalpatriotismus Fremde beschimpft und immer daran denken im Urlaub seit Ihr auch „Ausländer“. Das Problem der Gentrifizierung soll darüber nicht totgeschwiegen werden. Mein Appell ist deswegen, engagiert euch und nutzt die Vorteile, die uns neue Menschen in die Stadt bringen (leckeres Essen, neue Arbeitsplätze und ein buntes Berlin).