Rückblick: 12 Jahre berlinerstrassen

Seit etwa 12 Jahren existiert berlinerstrassen, begonnen als Community Seite mit Streetart und und freier Musik aus dem Umfeld der berlinerstrassen. Heute möchte ich einen Rückblick aus einer Fotokiste geben und ein paar Stichworte dazu in den Raum werfen. Wer die Verbindung zu den jeweiligen Bildern errät, gewinnt ein Lächeln.

Samarita Geto, Squil, Kreuzberg, B-Ski, Jaysta, Börek, Berlin, Plattenbau, U1, Kreuzberg, Friedrichshain, DJ Werd, Bussi, Os Gemeos, Görli, Real-M, Kenji 451, BeSt, Kotti, streetart…

berlinerstrassen

berlinerstrassen: Archivfotos aus Amsterdam, Cottbus, F-Hain, KRZBRG, Leipzig, Paris & Berlin

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Knotenpunkt 15 – Streetart goes St. Pauli

20151010_165401Nicht fern dem Mainstream der Reeperbahn startete bereits am 09. Oktober die Ausstellung Knotenpunkt 15 in der Affenfaust Galerie in Hamburg. Und nicht allzu fern zeigen sich auch die Exponate. Streetart ist erwachsen geworden könnte man sagen. Es ist nicht mehr vermessen 11.000 Euro pro Leinwand zu verlangen. Viele der ausgestellten Kunstwerke scheinen sogar bereits nach der Opening Gala verkauft zu sein – da und dort klaffen bereits am folgenden Tag Lücken in der professionell gehängten Reihung der Kunstwerke.

Coco Bergholm

Coco Bergholm – Knotenpunkt 15

Unter dem Titel „urban and contemporary art“ finden sich unter anderem Arbeiten von Künstlern wie Vidam, Roman Klonek, Quintessenz, Jan Koke, DXTR, Brokowitch und Base23. Zuweilen wird der Standort aus der Galerie auf große Außenflächen verlagert, an denen die großflächigen Wandbilder ihre volle Ausdrucksform finden. Leider finde ich keinen Guide zu diesen Flächen in der Galerie, weswegen ich einige Künstler hier gar nicht vorfinde. Die Ausstellung bekommt etwas stark museales und wirkt auch wegen des gut inszenierten Rundgangs etwas bieder. Good meaning bad?

Die technisch perfekte Darstellung auf der Website in Verbindung mit social media, auf denen Künstler wie Exponate gezeigt und benannt werden, versöhnt den Freund der frei zugänglichen Streetart wieder etwas. Jedoch wirkt dieses Konzept etwas stark entkopplet.

Roman Klonek

Roman Klonek – Knotenpunkt 15

Persönlicher Favorit bleibt trotz einiger Highlights wie Brokovichs Farbverläufen aus collagierten Spielzeugen und Laurence Valleries’s Pappelefanten: Dave the Chimp mit seinen Human Beans. Nicht nur weil er aus Berlin kommt, sondern auch weil die Wahl der Medien mehr Gefühl für die Natur dieser urbanen Künstlergeneration widerspiegelt.

Die Ausstellung läuft noch bis 18.10.2015 Eintritt: 5,00 Euro.

Der Albtraum der BVG

1UP – Maskierte Helden

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1UP  EXHIBITION – IAM 1UP

Obwohl der Name anderes vermuten lässt, wer das Phänomen um 1UP verstehen will muss zunächst tief hinab steigen. In diesem Falle zunächst erstmal eine Treppe an der Warschauer Straße. Dort nämlich in der Urban Spree Galerie stellt 1UP sein Oevre und auch ein zeitgleich herausgegebenes Buch vor. Im Vorhof der Galerie steigen vor den Augen der Besucher zwei schwarze Gestalten eine Wand hinauf.

Selbst unaufmerksamen Bewohnern Berlins mag dies nicht nötig erscheinen, immerhin zieren bereits diverse großflächige Wandbilder den öffentlichen Raum. Bilder wie sie an der Außenwand der Fassade zu sehen sind schießen einem durch den Kopf. Bemalte U-Bahnen, riesengroße Graffiti und tropfende Feuerlöscher-Tags mit gigantischen Außmaßen. Und doch zeigt sich der Innenraum der Ausstellung überraschend aufgeräumt.

Im Gespräch mit einem HipHop Enthusiasten mittleren Alters erfahre ich, daß für Ihn 1UP „so etwas wie Helden“ sind. Er, der aus Hamburg vor Jahren hierher nach Berlin zog, sah in den Aktionen von Anfang an etwas besonderes. Und hier unterscheidet sich die Aktionskünstler-Truppe auch im wesentlichen von vielen anderen Graffitikünstlern. Sie haben Youtube Fans und werden von vielen gefeiert – oder eben auch gehasst. Diese Publikumsbegeisterung kann ziemlich wahrscheinlich der präzisen Dokumentation zugute geschrieben werden, die die 1UP Crew bereits in vielen Videos und Fotos im Netz, vor allem aber auf der One United Power DVD betreibt. Mehrere Millionen Klicks beweisen den Hype, der um die wilden Aktionen herrscht, in denen beispielsweise ein kompletter U-Bahnwaggon in nur 3 Minuten im laufenden Betrieb bemalt wird. Auch diese Videos sind Teil der Ausstellung, die man durchläuft wie eine Level von Supermarioland.

Auch ein Besucher weit aus höheren Alters hat sich eingefunden – in kompletter BVG Montur mit Krawatte und Schnauzbart hält er seine Kamera im Anschlag. Ob er sich wohl auch eins der Poster Zuhause aufhängen wird, die es beim Merchandise stand zu kaufen gibt? Das Buch ist für 25 Euro zu haben, die Poster sind umsonst. Sticker sind leider schon alle, verrät mir der Betreiber der Galerie. In den ersten zwei Stunden nach der Eröffnung habe er bereits etwa hundert Bücher verkauft. I AM 1UP bleibt dem Besucher nur die essentielle Frage schuldig – Wer ist eigentlich dieser 1UP?

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one united power

 

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Link

Über Copycats, Kunst & Kommerz

In der gesamten Stadt breiten sich Sticker und Streetart aus – eine mehrheitlich positiv angenommene Weiterentwicklung von Tags und Graffiti. Poster, Sticker und Installationen überziehen die Laternenpfähle, Ampeln, und sonstige Flächen der Straßenlandschaft. Berlin ist die Welthauptstadt der Straßenkunst.

Easy does it – Ayse does it .. Just do it. Von Berlin nach TelAviv und wieder zurück. Werbeflächen für Hingucker müssen nicht viel kosten. „Easy does it!“, die beruhigende Botschaft steht inzwischen in der ganzen Stadt auf Stickern zu lesen. Die Werbekampagne eines jungen Startups in Kreuzberg hat seine Spuren hinterlassen.

Ob Werbeträger oder Streetart, viele Formen von Guerilla-Marketing und Street-Promotion sind inzwischen eine Mischung aus beidem. „Just do it!“ Hieß lange Zeit der Slogan eines großen Sportartikelherstellers. Mit Streetartist „Just“ von ReclaimYourCity hat das mit Sicherheit nichts zu tun. Aber Ayse? Wer ist jetzt das?

Wie sich Kunst und Kommerz Gegenseitig beeinflussen sieht man auch an der Brandwand im Hintergrund. Nachdem die deutlich sichtbare Wand von Graffiti bemalt ist wird sie auch schon flugs neugestrichen und als Werbefläche vermietet. Kaum  war das Fleckchen am S-Bahnhof Neukölln wieder weiß getüncht, da prangte auch wenige Tage später schon wieder ein bunter Regenbogen aus Streichfarbe an der selben Stelle. Spaßguerilla? Oder nur die nächste Kampagne für die Abdeckfarben des nächsten Baumarkts um die Ecke? Man weiß es nicht.

just ayse does it

just ayse does it

Über

Die „Über“ Story von BerlinerStrassen (.com und .net)

Ich habe Anfang der 2000er Jahre in Berlin Friedrichshain die Berliner Kunst/Streetart Szene fotografisch dokumentiert. Zusammen mit „schnizZzla“ entstand die Idee für eine Plattform auf der Leute ihre Fotos, Musik und Konzerttermine posten können – BerlinerStrassen.com – support your local heroes! Gemeinsam mit „finefin“ und „moons“ wurde die BeSt Redaktion gegründet. Die Gemeinde wuchs und es konnten in den ersten Jahren aufgrund hoher Besucherzahlen auch Einnahmen erzielt werden. Wegen der vielen Beiträge entschloss sich die Redaktion schon früh für die creative commons Lizenz. Nach einigen erfolgreichen Jahren spaltete sich die Redaktion jedoch inhaltlich über dem Thema der Kommerzialisierung der Erlöse durch die Website. Aus .com für community wurde so langsam .com für commercial.
Aufgrund wiederholter technischer Probleme mit der Datenbank und weiterer Schwierigkeiten kam die Redaktionsarbeit bald darauf zum erliegen. Nach Verlust eines beträchtlichen Anteils der Beiträge und der veränderten Lage in der Web-3.0-Medien-Landschaft (Sharing Dienste, Clouds und soziale Netzwerke) entschied ich mich, die Seite als gratis gehostete WordPress Variante unter BerlinerStrassen.net wieder aufzusetzen. Mit einigen Veränderungen: Alle Inhalte stammen von der BerlinerStrassen Redaktion in der Form von „runnie“ als Chefredakteur und bisher einzigem Autor. Allein auf der Facebook Fanpage können Inhalte von anderen an der Pinnwand geteilt werden. Administratoren der Facebook Fanpage sind immer noch die vier Gründungsmitglieder. Musik wird mehrheitlich über Soundcloud o.Ä. eingebunden. Alle Inhalte unterliegen der creative commons (by-nc-nd 3.0) Lizenz. Teilen ist willkommen. Neues Motto: ..hier werden sie geduzt!

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Die Mitglieder der Redaktion:
finefin:
.. hat (zusammen mit Ex-BeSt Mitglied Nemo) eine Firma für App-Entwicklung und Spiele gegründet – Canupa.
moons:
..betreibt nebenbei seinen eigenen Blog dickedecke.de – benannt nach einem Song der K.O. Kicker (ehemals einer der Hauptacts auf BeSt).
schnizZzla:
.. als SEO Experte und Fachmann für SEM selbstständig tätig.
runnie:
.. ist Urban Design- und Social Media Experte, schreibt, fotografiert und administriert immer noch auf berlinerstrassen.net

(siehe auch Impressum)

Wahlkrampf 2013 – Wo gehts lang?

wahlkrampfEin Laternenmast voller Plakate in Berlin Neukölln. Es ist mal wieder Bundestagswahl. Wie ein Wanderer vor dem Wegweiser steht man nun vor diesem Kunstwerk von Ideenlosigkeit. Streetart mal ganz anders. Auffallend ist, dass lediglich die Splitterparteien klare Ansagen machen. Die Linke skandiert in Bild-Manier „Miete und Energie: Bezahlbar für alle.“ Die Piraten thematisieren das Problem der geringen Wahlbeteiligung mit der hoffnungslosen Frage „Warum häng ich hier eigentlich? Ihre geht ja eh nicht wählen“. Schon etwas skurril, aber immerhin provokant. Nur was Sie dem Wähler damit versprechen wollen bleibt etwas unklar. Die MLPD fordert „Freiheit für Kurdistan und Palästina“ und die FDP traut sich anscheinend gar nicht erst zu plakatieren im Körnerkiez.

Die Grünen haben ihr plakatives Highlight mal wieder in Kreuzberg-Friedrichshain mit dem Seyfried-Plakat auf dem Ströbele um eine Hanpfpflanze tanzt. Die CDU und die SPD haben als Motto „Das Wir entscheidet“ und „Gemeinsam erfolgreich“ zu bieten. Aber zu wem  gehört eigentlich welche Parole? Auch was die Plakatgestaltung angeht treten die beiden großen lediglich mit Köpfen an. Aber irgendwie bekommen es die zwei Parteien nicht hin, uns ihre Ziele erfolgreich zu vermitteln. Erst kürzlich stellte dies eine Sendung im ARD mit dem Titel „Der Kandidaten Check“ fest.

Auch das beliebte Adbusting, das sonst unseren grauen Wahl-Alltag etwas aufheitere scheint durch die Ideenlosigkeit der Slogans auf ein Minimum beschränkt zu sein. In den letzten Jahren hatten einige Straßenkunst Aktivisten, die Partei und auch die Bergpartei wenigstens ab und zu ein Lächeln auf die traurigen Wählergesichter zaubern können. Dieses Jahr scheinen selbst die Kampfansagen der rechten Parteien austauschbar und unmotiviert. Ich erinnere mich an das Sprüche Receycling und einige bunte Popos bei der NPD. Farbige Hinterteile in Gelb, Rot, Grün und schwarz – steht die NPD jetzt für Multikulti? Vielleicht sollten sich die Parteien mal dem Zeigeist anpassen und wie Obama Straßenkünstler und Graffitimaler für Ihre Kampagnen anstellen – dann klappts vielleicht auch mit mit der Street Credibility. Obey! – äh, Obama!, Change! und so. Währenddessen muss man zum deutschen Bundestags-Wahlkrampf sagen: No – we can’t.

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Fernweh – Warum die Berliner weit weg wollen

DSC_0296„Eigentlich wollte ich jetzt schon auf Hawaii sein“, sagt die Dame vor der Info an der Berliner Hufeisensiedlung. Ich dagegen wollte eigentlich die Siedlung besichtigen. Aber bei einem kurzen, circa zweistündigen Plausch, erzählt mir die gebürtige Britzerin mal eben kurz Ihre Lebensgeschichte.

Es ist eine Geschichte, die viele in Berlin erzählen. Sie handelt vom Fernweh, vom in-Berlin-Hängenbleiben, von nie realisierten Auswanderungsplänen von Reisen in ferne Länder und von der Hassliebe zur Heimatstadt. Ein bisschen Nostalgie kann da schon mal dabei sein. So wird von alten Tagen geschwärmt, von den Kinos auf dem Ku-Damm, von der Jugenddisko und der ersten großen Liebe. Das alles gibt es jetzt nicht mehr – die Kinos sind weg, die große Liebe nach Australien ausgewandert und die Jugend vorüber.

Ausgangspunkt sind die überhöhten Preise, die die Deutsche Wohnen (ehemals Gehag) in der Glasvitrine für leerstehende Wohnungen anpreist. Ihre Mutter habe jetzt gerade Ihr Reihenhaus, das sie seit 50 Jahren zur Miete bewohnt, einem Käufer zeigen müssen. Das Vorzugsangebot habe sie sich nicht leisten können. Kurz bevor die potentiellen Käufer kommen habe die alte Dame dann noch alles schön zurecht gemacht. Da sei Ihr die Hutschnur geplatzt, erzählt die Britzerin weiter.

Wäre die Mutter nicht so alt, hätte sie selbst ja schon lange die Kurve gekratzt und sich in die Staaten abgesetzt. Aber ganz so einfach sei das eben auch nicht. Das mit Hawaii habe sich zerschlagen – der Geschäftsmann aus Kalifornien, der mit Ihr den Neustart wagen wollte, sei dann doch wieder abgesprungen. Warum Sie denn hier weg wolle, frage ich sie. „Weil die Leute hier alle soo sind“ -sie beantwortet die Frage mit einer Scheuklappen-Geste. Und alles werde hier langsam zu teuer – da könne man ja auch gleich irgendwo anders leben. „Wenn man nicht aufpasst ist der Zug irgendwann abgefahren“ – für sie sei es jetzt bald zu spät, sagt sie. Und überhaupt – das Wasser sei viel zu kalt im Pazifik – da würde sich ja doch eher Florida anbieten – „ist auch nicht so weit weg von Berlin“.

In der Tat gibt es viele, die aufgrund schwieriger Arbeitssituation oder reiner Abenteuerlust wenigstens zeitweise der Stadt den Rücken kehren. Die wenigsten schaffen es allerdings ganz und es bleibt beim Reisen. Real oder auch nur mit dem Finger auf der Landkarte – das Reisen in ferne Länder hat die Berliner schon immer begeistert. Und doch: so ganz loslassen können die meisten nicht. Ich erinnere mich an die Bestellung einer Hausfrau auf einer Farm mitten in Namibia, die sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts aus der entfernten Kolonie an das Warenhaus Wertheim aufgibt. Darin bittet sie im Mai 1910 um die Zusendung des aktuellen Sommerkatalogs für Damen-Sommergarderobe. In sauberem Sütterlin steht ihre Bestellung dort immer noch auf dem Bestellschein, und wer es nicht glaubt, der kann gerne nach Windhoek fliegen und es in der Okapuka Ranch nachlesen.

Die Hufeisensiedlung werde ich mir dann doch an einem anderen Tag ansehen, denn als die Geschichte der Britzerin endet, ist die Sonne längst hinter dem Werk Bruno Tauts  und Martin Wagners untergegangen.

Musik made in Germany

2013-07-10 22.03.17Am Abend der Record Release Party von Chefkets ‚Identitäter EP‘ sehe ich einerseits viele neue junge Gesichter und andererseits vermisse ich auch einige alte Bekannte. In dem Gewühl des ausverkauften  Privatclubs, der sich jetzt im Postgebäude der Skalitzer Strasse befindet, kann man allerdings auch schon mal jemanden übersehen. Einerseits auf der Bühne und andererseits auch im Publikum.

Amewu, der alleine das Vorprogramm bestreitet, stellt sich mit einiger Ironie als Gris vor und beginnt dann mit diversen weiteren ironischen Anmoderationen seine Show. Er startet mit dem Nas Classic ‚One Love‘ Instrumental und holt eine grandios singende und freestylende Sol auf die Bühne, die als weiblicher MC sehr überzeugend ist. Die Menge ist euphorisch.

Was mich einigermaßen verwirrt ist das vollständige Fehlen der üblichen Edit Entertainment Logos und auch auf meinem Handgelenk steht ein Stempel mit dem four music Logo. Auf einschlägigen Seiten lese ich nun, dass Chefket wohl im Moment gerade ohne Label ist und four music derzeit das Artist Management machen. Die Show geht desweiteren auch ohne Support und DJ weiter, was Bühnentier Amewu allerdings so locker mit Push Ups (‚training day‘) kompensiert, dass die Stimmung im Publikum weiterhin positiv bleibt.

Die nächste Überraschung ist der Haupt-Act. Plötzlich stehen fünf junge Frauen auf der Bühne. Eine Liveband mit DJane und Supportsängerinnen inklusive Live Drums und Bass. Chefket hat die Frauenquote damit sowas von übererfüllt, dass einem die sonst hauptsächlich männlichen MCees nun doch gar nicht mehr so sehr fehlen. Das Programm der Live Show, das eine gesunde Mischung von alten Songs einerseits, und denen der neuen EP andererseits, überzeugt.

Ich sehe, dass zwei sehr verschiedene Zielgruppen angesprochen werden – die neue, junge deutsche Festival Jugend – und die oldschool HipHop Veteranen. Im Song Identitäter gelingt die Mischung vielleicht am besten. Zwischen den üblichen ich-feier-mein-Leben Songs sind auch kritische Texte versteckt. Besonders ‚Made in Germany‘ überzeugt durch die Kritik an Deutschland als Ort der Waffenherstellung und auch musikalisch. Bang Bang (der Refrain des Songs) bleibt mir am meisten im Ohr. Auch sonst setzt sich Chefket seinen Texten mit Themen wie Migrationshintergrund und Vorurteilen auseinander. Zum Beispiel im Track ‚Entscheide Du‘ mit Motrip und Tua. Das gesamte Programm kommt sehr soul-lastig daher. Keine große Überraschung, da Chefket einer der wenigen Rapper ist, die auch wirklich singen können.

Das große Finale mit Marteria (‚was wir sind‘) wird hart gefeiert. Ich persönlich hätte mich mehr über Samy Deluxe gefreut, auf dessen Feature ich am meisten gespannt war. Aber das kann ich mir ja nun in der EP anhören – am Eingang war es für fünf Euro erhältlich. Rough Trade Distribution steht auf der Rückseite, also gehe ich davon aus, dass es auch auf der einen oder anderen Seite erhältlich sein wird.

Gentrifidingsbums

gentriGen-tri-fi-zie-rung. Schwieriges Wort – aber was bedeutet es eigentlich? Etone, Produzent und Sprechgesangs-Künstler aus Berlin Schöneberg veröffentlichte jüngst einen Song zu diesem Thema auf Soundcloud. Spätestens seitdem ich ein halbes Jahr in Spanien verbracht habe, weiß ich wie man sich als fremder in einer Stadt fühlt. Es ist nicht immer schön als Fremder mit Hass anstatt Gastfreundlichkeit bedacht zu werden. Die Gentrifizierungsdebatte, die in Berlin inzwischen  mit ausgrenzenden Termini wie „Schwaben-Hass“ in Verbindung gebracht wird, ist auch in Gefahr, Fremdenhass zu schüren. Und dass nimmt teilweise groteske Züge an. Ungefähr genauso grotesk, wie die Attacke spanischer „Neo-Nazis“ auf einen Deutschen in einer Provinzhauptstadt in Spanien. Was die meisten Berliner seit geraumer Zeit spüren ist eine Angst der Verdrängung aus günstigem, innerstädtischem Wohnraum. Hauptsächlich geht es dabei jedoch um einen Kampf zwischen arm und reich.  Oft sind es auch die so genannten Neu-Berliner, die sich da in den schönen, neu sanierten Altbauten einmieten. Meist zu erheblich höheren Preisen.  „Ethnische Minderheiten“ wie Menschen aus Süddeutschland, (nein, ich sage nicht Schwaben, siehe vierte Zeile im Wikipedia-Eintrag) Italien, Frankreich, sowie viele Amerikaner und so weiter können es oft gar nicht glauben, dass die süße 50-Quadratmeter Wohnung im Schillerkiez nur 700 Euro kosten soll. Mietraum (wenn überhaupt vorhanden) kostet in diversen Metropolen oft viel mehr. Aber selbst alteingesessene Berliner haben Ihre Wurzeln oft im heutigen Polen, der Türkei oder sonstwo. Also bitte nicht vergessen, derjenige der den Spruch geprägt hat „ich bin ein Berliner“ war selber (US-)Amerikaner. Deswegen bitte erst einmal nachdenken, bevor man aus falschem Lokalpatriotismus Fremde beschimpft und immer daran denken im Urlaub seit Ihr auch „Ausländer“. Das Problem der Gentrifizierung soll darüber nicht totgeschwiegen werden. Mein Appell ist deswegen, engagiert euch und nutzt die Vorteile, die uns neue Menschen in die Stadt bringen (leckeres Essen, neue Arbeitsplätze und ein buntes Berlin).

Keine Angst vorm Hermannplatz!

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Der Bahnsteig am Hermannplatz zeichnet ein realistisches Abbild Berlins. Auf der (noch) längsten U-Bahnlinie Berlins (U7) oder auch in der U8 trifft man alle – Hipsters, Junkies, Schichtarbeiter, Bonzen, illegale Einwanderer, Obdachlose, Feuerzeugverkäufer, Altberliner, Neuberliner und natürlich Party-Volk aus aller Welt. Für viele  sind Orte wie der U-Bahnhof Kottbusser Tor und der Hermannplatz  zu gängigen Treffpunkten geworden. Das Nachtleben wie auch der Tourismus hat sich inzwischen auch in diese Richtung weiterentwickelt. Von der Kreuzberger Uferseite des Landwehrkanals her haben sich schon seit längerem die hippen neuen Clubs und Bars in den nahegelegenen Kiezen ausgebreitet. Geist im Glas, Raumfahrer, Villa Neukölln, Cube und wie sie alle heißen.

Und trotzdem bleibt der Hermannplatz ein verruchter Ort. Die Nähe zur Hasenheide – Drogenumschlagplatz Nummer eins in Berlin – prägt. Eigentlich nur ein hässlicher Platz vor der  Fassade eines Konsumtempels mit Monumental-Architektur. Aber eben auch der Knotenpunkt von Nord/Süd und Ost und West. Hier treffen sich Papst Urban und Karl Marx. (Der Name der Urbanstrasse entspringt übrigens angeblich dem Namen „Urlake“). Auch die berühmte Sonnenallee hat hier ihren Beginn (oder ihr Ende). Grafro Hotel, ÜF, 1UP und Karstadt sind die dominierenden Schriftzüge auf den umliegenden Dächern. Streetart, Graffiti, Multikulti und Konsum kämpfen harmonisch gegeneinander wie die BVG gegen Unlike U. Wer wird gewinnen? Kunst und Kultur oder doch eher der Konsum und Gentrification?

Der Stoffbeutel mit dem Schriftzug „Du hast Angst vor’m Hermannplatz“ des Modelabels Muschi Kreuzberg ist jedenfalls inzwischen ausverkauft. Am Ende steht wahrscheinlich einfach nur die Berliner Melange. Also denn, ssie juh suhn, Atzen und Atzinnen! Machts jut Nachbarn. Hade Tschüss. Hauta rinn und bis bald am Hermannplatz.