Gentrifidingsbums

gentriGen-tri-fi-zie-rung. Schwieriges Wort – aber was bedeutet es eigentlich? Etone, Produzent und Sprechgesangs-Künstler aus Berlin Schöneberg veröffentlichte jüngst einen Song zu diesem Thema auf Soundcloud. Spätestens seitdem ich ein halbes Jahr in Spanien verbracht habe, weiß ich wie man sich als fremder in einer Stadt fühlt. Es ist nicht immer schön als Fremder mit Hass anstatt Gastfreundlichkeit bedacht zu werden. Die Gentrifizierungsdebatte, die in Berlin inzwischen  mit ausgrenzenden Termini wie „Schwaben-Hass“ in Verbindung gebracht wird, ist auch in Gefahr, Fremdenhass zu schüren. Und dass nimmt teilweise groteske Züge an. Ungefähr genauso grotesk, wie die Attacke spanischer „Neo-Nazis“ auf einen Deutschen in einer Provinzhauptstadt in Spanien. Was die meisten Berliner seit geraumer Zeit spüren ist eine Angst der Verdrängung aus günstigem, innerstädtischem Wohnraum. Hauptsächlich geht es dabei jedoch um einen Kampf zwischen arm und reich.  Oft sind es auch die so genannten Neu-Berliner, die sich da in den schönen, neu sanierten Altbauten einmieten. Meist zu erheblich höheren Preisen.  „Ethnische Minderheiten“ wie Menschen aus Süddeutschland, (nein, ich sage nicht Schwaben, siehe vierte Zeile im Wikipedia-Eintrag) Italien, Frankreich, sowie viele Amerikaner und so weiter können es oft gar nicht glauben, dass die süße 50-Quadratmeter Wohnung im Schillerkiez nur 700 Euro kosten soll. Mietraum (wenn überhaupt vorhanden) kostet in diversen Metropolen oft viel mehr. Aber selbst alteingesessene Berliner haben Ihre Wurzeln oft im heutigen Polen, der Türkei oder sonstwo. Also bitte nicht vergessen, derjenige der den Spruch geprägt hat „ich bin ein Berliner“ war selber (US-)Amerikaner. Deswegen bitte erst einmal nachdenken, bevor man aus falschem Lokalpatriotismus Fremde beschimpft und immer daran denken im Urlaub seit Ihr auch „Ausländer“. Das Problem der Gentrifizierung soll darüber nicht totgeschwiegen werden. Mein Appell ist deswegen, engagiert euch und nutzt die Vorteile, die uns neue Menschen in die Stadt bringen (leckeres Essen, neue Arbeitsplätze und ein buntes Berlin).

Die neue Mitte

Es war mal wieder so ein richtig schöner Sommerabend in Berlin. Ein Berlinale Streifen zur öffentlichen Premiere im Kino Central mit insgesamt drei Leuten im Zuschauerraum. Als wenn man wieder im guten alten Berlin allein wär. Wie damals. Fast jedenfalls. Draußen tummeln sich natürlich die Touris in diesem kleinen Versteck nahe des Hackeschen Markts. Die meisten kommen aber nur kurz in den Hof und fotografieren Berlins hippe Streetartkultur ab – dann gehen sie wieder entlang ihrer Sightseeing Route und konsumieren das 0815 Berlin-in-drei-Tagen Programm. In die Vorstellung von This ain’t California -einem dokumentarisch angelegten Film über die Anfänge der Skaterszene in Ostdeutschland- verläuft sich kaum jemand. Im letzten Jahr traf ich hier eine Bekannte die mich fragte „Was machst’n du hier meinem Kiez?“. Naja Kiez ist wohl leicht übertrieben. Flagshipstore von Hugo Boss, Souvenirladen, Bubble Tea, Flagshipstore, Tommy Hilfigger, Addidas, Souvenirladen, Frozen Yoghurt. Das sind ungefähr die Eindrücke auf dem Weg entlang der Rosenthaler und der neuen Schönhauser. Na gut, an der Galerie von Oliver Rath bin ich grad auch vorbeigekommen, aber die Galerien sind schon fast alle weiter oben in Richtung Brunnenstrasse gewandert. Hier gibt’s fast nur noch Konsum aus dem hochpreisigen Segment, Bubble Tea und eben Frozen Yoghurt. „So’n normales italienisches Eis gibts hier garnicht mehr, wa?“, frage ich meine Begleitung. Ok dann eben Frozen Yoghurt. Ist doch eh das gleiche. Hab ich letztens auch zuhause gemacht, voll easy: gefrorene Beeren mit Zucker in den Mixer, Joghurt – paar minuten in den Tiefkühler – fertig. Aber jetzt sehe ich in die Auslage eines Süßwarenladens. Smarties, und son Kram. Ich schaue auf die Preisliste und werde von Informationen überschüttet. Ich merke mir nur den billigsten Preis für die kleinste Portion, € 2,80. Kann ich mir grad noch leisten. Aber halt – das ist nur der Preis für „pure“. Also einfach nur gerfrorener Joghurt. Mit zwei Schokokrossies als „Topping“ kostets schon € 3,60. Ich schaue nicht mehr wieviel das zweite Topping kostet. Letztens hat sich ein Typ am Kudamm aufgeregt, dass er für das bereits von seinen Kindern verschlungene Softeis 1,99 zahlen sollte. Fand ich auch teuer. Aber das? Na gut ist halt kein Platz für mich. Das ist nur noch zum Touris melken hier. Nicht mein Kiez sozusagen. Aber ist das überhaupt noch irgendjemandes Kiez? Ich trete den wunderschönen Abendspaziergang in Richtung Kreuzberg an. Vorbei an der unsagbar teuren Humboldt Box und weide mich an der Architektur der sozialistischen Stadtplanung an der Leipziger Straße im Abendrot. Gratis.