Dicke Linda – schlanke Franka

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Wo liegt eigentlich der Kranoldplatz? Zwischen Hermannstraße und Karl-Marx-Straße gelegen verbirgt sich jenseits des S-Bahn Rings ein kleines Gründerzeitviertel. Hier bieten Bauern und Lebensmittelerzeuger der Region seit neuestem jeden zweiten Samstag ihre Waren an. Ein Farmer Market in Neukölln? Da muss ich hin – dachte ich mir am Osterwochenende – und schlenderte aus dem Körnerkiez über die schöne Stahlbrücke an der Hertastraße entlang und überquere die Silbersteinstraße am Eduard-Müller-Platz. Jetzt die Bendastraße nehmen und da liegt er schon vor mir- der Kranoldplatz. Etwas versteckt, zugegeben, aber die Suche wird belohnt. Die dicke Linda bietet neben Gemüse- und Obst auch viele kleine Leckereien, einen Fleischstand und viele vegetarische und vegane Speisen.
Linda ist der Name einer Kartoffelsorte, die dem Markt den Namen gab. Etwas überrascht stelle ich fest, dass sogar gleich zwei alte Bekannte vor Ort sind: Bio Bäckerei Schmidt aus der Lausitz und in einem schicken Oldtimer der Kiezwagen Blank, dessen Inhaberin ich noch aus Schulzeiten kenne. Franka Isabel Eisenschenk. Sie startete das Projekt eines verpackungsfreien Lebensmittel-Geschäfts auf Rädern mithilfe einer crowd-funding Kampagne. Aus Kiezladen wurde Kiezwagen, aber die Vision ist real geworden. A tasteful world without plastic.

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Über Copycats, Kunst & Kommerz

In der gesamten Stadt breiten sich Sticker und Streetart aus – eine mehrheitlich positiv angenommene Weiterentwicklung von Tags und Graffiti. Poster, Sticker und Installationen überziehen die Laternenpfähle, Ampeln, und sonstige Flächen der Straßenlandschaft. Berlin ist die Welthauptstadt der Straßenkunst.

Easy does it – Ayse does it .. Just do it. Von Berlin nach TelAviv und wieder zurück. Werbeflächen für Hingucker müssen nicht viel kosten. „Easy does it!“, die beruhigende Botschaft steht inzwischen in der ganzen Stadt auf Stickern zu lesen. Die Werbekampagne eines jungen Startups in Kreuzberg hat seine Spuren hinterlassen.

Ob Werbeträger oder Streetart, viele Formen von Guerilla-Marketing und Street-Promotion sind inzwischen eine Mischung aus beidem. „Just do it!“ Hieß lange Zeit der Slogan eines großen Sportartikelherstellers. Mit Streetartist „Just“ von ReclaimYourCity hat das mit Sicherheit nichts zu tun. Aber Ayse? Wer ist jetzt das?

Wie sich Kunst und Kommerz Gegenseitig beeinflussen sieht man auch an der Brandwand im Hintergrund. Nachdem die deutlich sichtbare Wand von Graffiti bemalt ist wird sie auch schon flugs neugestrichen und als Werbefläche vermietet. Kaum  war das Fleckchen am S-Bahnhof Neukölln wieder weiß getüncht, da prangte auch wenige Tage später schon wieder ein bunter Regenbogen aus Streichfarbe an der selben Stelle. Spaßguerilla? Oder nur die nächste Kampagne für die Abdeckfarben des nächsten Baumarkts um die Ecke? Man weiß es nicht.

just ayse does it

just ayse does it

Bügelperl-Tiere erobern die Straße

Eine seltene Spezies verbreitet sich in den Straßen. Es ist die Gattung des Bügelperl-Tierchens. Das Gefieder fällt durch seine knallbunte Färbung auf. Wie es sich ernährt ist unklar – Beobachter sprechen davon, dass es oft tage- oder wochenlang an der selben Stelle verharrt. Auch die Art und Weise der Fortpflanzung ist bisher ungeklärt. Dieses possierliche Exemplar hat es sich an dieser Neuköllner Hauswand gemütlich gemacht. Ich werde in nächster Zeit weitere Sichtungen der Einfachheit nur noch mit Foto und kurzer Notiz des Ortes dokumentieren. Beachtlich sind übrigens auch die benachbarten kleinen wesen. Sind es eventuell Parasiten oder hat sich dieses kuschelige Beieinander zufällig ergeben? Bald mehr dazu.                                                     bügelperltier

bpt

Fernweh – Warum die Berliner weit weg wollen

DSC_0296„Eigentlich wollte ich jetzt schon auf Hawaii sein“, sagt die Dame vor der Info an der Berliner Hufeisensiedlung. Ich dagegen wollte eigentlich die Siedlung besichtigen. Aber bei einem kurzen, circa zweistündigen Plausch, erzählt mir die gebürtige Britzerin mal eben kurz Ihre Lebensgeschichte.

Es ist eine Geschichte, die viele in Berlin erzählen. Sie handelt vom Fernweh, vom in-Berlin-Hängenbleiben, von nie realisierten Auswanderungsplänen von Reisen in ferne Länder und von der Hassliebe zur Heimatstadt. Ein bisschen Nostalgie kann da schon mal dabei sein. So wird von alten Tagen geschwärmt, von den Kinos auf dem Ku-Damm, von der Jugenddisko und der ersten großen Liebe. Das alles gibt es jetzt nicht mehr – die Kinos sind weg, die große Liebe nach Australien ausgewandert und die Jugend vorüber.

Ausgangspunkt sind die überhöhten Preise, die die Deutsche Wohnen (ehemals Gehag) in der Glasvitrine für leerstehende Wohnungen anpreist. Ihre Mutter habe jetzt gerade Ihr Reihenhaus, das sie seit 50 Jahren zur Miete bewohnt, einem Käufer zeigen müssen. Das Vorzugsangebot habe sie sich nicht leisten können. Kurz bevor die potentiellen Käufer kommen habe die alte Dame dann noch alles schön zurecht gemacht. Da sei Ihr die Hutschnur geplatzt, erzählt die Britzerin weiter.

Wäre die Mutter nicht so alt, hätte sie selbst ja schon lange die Kurve gekratzt und sich in die Staaten abgesetzt. Aber ganz so einfach sei das eben auch nicht. Das mit Hawaii habe sich zerschlagen – der Geschäftsmann aus Kalifornien, der mit Ihr den Neustart wagen wollte, sei dann doch wieder abgesprungen. Warum Sie denn hier weg wolle, frage ich sie. „Weil die Leute hier alle soo sind“ -sie beantwortet die Frage mit einer Scheuklappen-Geste. Und alles werde hier langsam zu teuer – da könne man ja auch gleich irgendwo anders leben. „Wenn man nicht aufpasst ist der Zug irgendwann abgefahren“ – für sie sei es jetzt bald zu spät, sagt sie. Und überhaupt – das Wasser sei viel zu kalt im Pazifik – da würde sich ja doch eher Florida anbieten – „ist auch nicht so weit weg von Berlin“.

In der Tat gibt es viele, die aufgrund schwieriger Arbeitssituation oder reiner Abenteuerlust wenigstens zeitweise der Stadt den Rücken kehren. Die wenigsten schaffen es allerdings ganz und es bleibt beim Reisen. Real oder auch nur mit dem Finger auf der Landkarte – das Reisen in ferne Länder hat die Berliner schon immer begeistert. Und doch: so ganz loslassen können die meisten nicht. Ich erinnere mich an die Bestellung einer Hausfrau auf einer Farm mitten in Namibia, die sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts aus der entfernten Kolonie an das Warenhaus Wertheim aufgibt. Darin bittet sie im Mai 1910 um die Zusendung des aktuellen Sommerkatalogs für Damen-Sommergarderobe. In sauberem Sütterlin steht ihre Bestellung dort immer noch auf dem Bestellschein, und wer es nicht glaubt, der kann gerne nach Windhoek fliegen und es in der Okapuka Ranch nachlesen.

Die Hufeisensiedlung werde ich mir dann doch an einem anderen Tag ansehen, denn als die Geschichte der Britzerin endet, ist die Sonne längst hinter dem Werk Bruno Tauts  und Martin Wagners untergegangen.

Keine Angst vorm Hermannplatz!

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Der Bahnsteig am Hermannplatz zeichnet ein realistisches Abbild Berlins. Auf der (noch) längsten U-Bahnlinie Berlins (U7) oder auch in der U8 trifft man alle – Hipsters, Junkies, Schichtarbeiter, Bonzen, illegale Einwanderer, Obdachlose, Feuerzeugverkäufer, Altberliner, Neuberliner und natürlich Party-Volk aus aller Welt. Für viele  sind Orte wie der U-Bahnhof Kottbusser Tor und der Hermannplatz  zu gängigen Treffpunkten geworden. Das Nachtleben wie auch der Tourismus hat sich inzwischen auch in diese Richtung weiterentwickelt. Von der Kreuzberger Uferseite des Landwehrkanals her haben sich schon seit längerem die hippen neuen Clubs und Bars in den nahegelegenen Kiezen ausgebreitet. Geist im Glas, Raumfahrer, Villa Neukölln, Cube und wie sie alle heißen.

Und trotzdem bleibt der Hermannplatz ein verruchter Ort. Die Nähe zur Hasenheide – Drogenumschlagplatz Nummer eins in Berlin – prägt. Eigentlich nur ein hässlicher Platz vor der  Fassade eines Konsumtempels mit Monumental-Architektur. Aber eben auch der Knotenpunkt von Nord/Süd und Ost und West. Hier treffen sich Papst Urban und Karl Marx. (Der Name der Urbanstrasse entspringt übrigens angeblich dem Namen „Urlake“). Auch die berühmte Sonnenallee hat hier ihren Beginn (oder ihr Ende). Grafro Hotel, ÜF, 1UP und Karstadt sind die dominierenden Schriftzüge auf den umliegenden Dächern. Streetart, Graffiti, Multikulti und Konsum kämpfen harmonisch gegeneinander wie die BVG gegen Unlike U. Wer wird gewinnen? Kunst und Kultur oder doch eher der Konsum und Gentrification?

Der Stoffbeutel mit dem Schriftzug „Du hast Angst vor’m Hermannplatz“ des Modelabels Muschi Kreuzberg ist jedenfalls inzwischen ausverkauft. Am Ende steht wahrscheinlich einfach nur die Berliner Melange. Also denn, ssie juh suhn, Atzen und Atzinnen! Machts jut Nachbarn. Hade Tschüss. Hauta rinn und bis bald am Hermannplatz.

Komische Musik

Es ist schon einige Jahre her seitdem David Deery sein Debüt in der PingPong Bar feierte. Der Schnurrbart stand ihm noch frisch gewachsen im Gesicht. Jetzt hatte ich das Vergnügen eine, von ihm präsentierte, musikalische Comedy Show zu sehen.

„Wieviele hier sind aus Berlin?“, fragt David Deery, zögerlich heben drei Leute ihre Hand im Zuschauerraum der Villa Neukölln. Ja es sind viele im Raum, die englisch sprechen. Viele, die nicht aus Berlin sind, aber inzwischen hier leben. Deery selbst kommt aus Amerika. Bevor er ins Comedy-Business überwechselte war er DJ. In seinem Bühnenoutfit mit Fliege, Jacket, einem mutigen Schnurrbart und einer dickgerahmten Hornbrille hebt er sich inzwischen nicht einmal besonders vom durchschnittlichen Berliner Hipster ab. Einer der Gäste in der ersten Reihe hat sogar eine größere Fliege, als David Deery. Manchmal merkt man ihm noch seinen Bezug zum HipHop-Genre an, z.B. wenn er Wu-Tang zitiert: „cash rules everything around me-C.r.e.a.m.“, schließt er die Anmoderation seiner musikalischen Comedy-Gäste.

Die weiteren Künstler sind eine bunte Melange: Von Drag-Queen bis Schuh-Designer ist so ziemlich alles vertreten. Naomi Fearn, David Bonney, Jack Woodhead, Caroline Cliffiord und CRYSPACE. Und eins haben sie alle gemein – sie nehmen kein Blatt vor den Mund und hauen in die Tasten (und Saiten), dass es nur so scheppert. Jeder der Künstler eine super Nummer und verdammt talentiert. Kein Comdedy-Programm in Berlin, dass in dieser Qualität und zu diesem Preis (5 Euro!) zu haben ist. Und das auch noch in entspannter Atmosphäre in einem kleinen Laden in der Hermannstrasse. Beim nächsten mal kann ich nur hoffen, dass der Laden ausverkauft ist, wie auch Deery’s Solo-Shows.

Mysteriöse Spuren eines Biests

 Auf meinem Mittagsspaziergang musste ich heute eine schreckliche Entdeckung machen. In der nähe des Körnerparks waren die Spuren eines sich selbst so bezeichnenden Biests auf dem Asphalt zu sehen. Die Fährte ist allerdings nicht lang – beginnt aus dem Nichts und endet in diesem Schablonen Graffiti auf dem Boden. Erstaunlicherweise hatte ich immer Vorurteile was die Größe und Form der Füße eines Biests angeht – ich entschuldige mich an dieser Stelle beim Biest und allen verantwortlichen Biestschützervereinen.

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Der „Strassenpräsident“ von Neukölln

berlin rixdorf neuköllnEigentlich wollte ich ja nur Blutwurst am Karl-Marx-Platz in Rixdorf kaufen. Als ich feststelle, dass die berühmte Fleischerei gar keinen Namen trägt begnüge ich mich damit, dass sie unter blutwurstmanufaktur.de zu finden ist. Wie auch immer – nachdem ich den Laden verlassen habe fällt mir das Schild vom Böhmischen Gottesacker ins Auge. Ich stelle mich also davor auf und versuche beim Fotografieren nicht die Passanten mit aufs Bild zu bekommen. Als ich die Kamera senke, sehe ich einen von Ihnen auf mich zukommen. Er fragt mich, ob das für mich eine Bedeutung hätte. Als ich verneine stellt er sich mir als „Muhdad“ vor, das er mit Bezirksamt überstetzt.  Er korrigiert sich und meint es hieße soviel wie Bürgermeister – er wäre der inoffizielle Straßenpräsident von Neukölln und dieser Friedhof wäre der älteste von ganz Berlin. Leider stellt sich nach einer kurzen Recherche weder das eine noch das andere als wahr heraus. Der Friedhof ist laut Wikipedia 1751 für die böhmischen Glaubensflüchtlinge  angelegt worden, denen Friedrich Wilhelm I. erlaubte sich hier niederzulassen. Der Alte Garnisionsfriedhof ist zum Beispiel knapp 50 Jahre älter. Ich bin etwas enttäuscht – dachte ich doch das Äquivalent zum inoffiziellen Bürgermeister von Moabit gefunden zu haben. Vielleicht zählt das für nen waschechten Neuköllner mit Migrationshintergrund nicht – is ja im Osten, wa? Nagut also nur der älteste Friedhof von Neukölln. Dit ma dazu.

Urbaner Dschungel

Aufgrund hoher Beliebtheit des Gebietes nördlich des Hermannplatzes gibt es viele Veränderungen in Kreuzkölln. Manche sind gut. Andere vielleicht weniger. Was aber auffällt ist, daß viele jahrzehntelang vor sich hingammelnde Altbauten saniert werden oder wurden. Ob die damit gewonnene Lebensqualität die höheren Mieten ausgleicht bleibt meist offen. Hier habe ich allerdings mal eine positive Seite dieser Baumaßnahmen gefunden: Eine Wallpaper Installation in der Urbanstrasse. Leider ist es mir bisher nicht gelungen die Namen der Künstler zu recherchieren, die sich hier für kurze durch hervorragende Verschönerungsmaßnahmen des Bauzauns betätigt haben. Wer hierzu ein paar Infos hat, den möchte ich gerne bitten, dieses Wissen mit BerlinerStrassen zu teilen.

P.S.: In der Raumkunst (Weser- ecke Hobrechtstrasse) ist jetzt übrigens ein Bioladen…

Urban Gardening im Nachbarschaftsgarten

Im Nachbarschaftsgarten in der Bornsdorfer Stasse in Berlin Neukölln können Anwohner/Nachbarn aus dem Kiez fröhlich losgärtnern. Nach einem Scheuen Blick wurde ich heute mit einem freundlichen „kommt rein“ zum Mitmachen beim Gärtnern eingeladen. Die Initiative Nachbarschaftsgarten hat aus einer illegalen Müllhalde auf den Nachbargrundstücken neben der Kita Bornsdorfer Strasse einen urbanen Garten angelegt. Nach einer kurzen Besichtigung des Geländes, habe ich mich dann auch gleich mit den fleißigen Initiatoren und Begleitung an die Arbeit gemacht. Vier Hochbeete aus Paletten und vier weitere aus Plastikkörben wurden für die erste Pflanzung fit gemacht. Die erste Salatpflanzung ist in der Erde und kann jetzt unter dem Schutz alter Altbaufensterscheiben wachsen. Ein tolles Projekt, das auch weitere Gartenfreunde zum Mitmachen einlädt. Immer Dienstags, Freitags und manchmal eben auch Sonntags kann man hier reinschauen und sich im Garten betätigen. Mehr gibts bald auch auf dem Nachbarschaftsgarten44 blog zu lesen.